HEIMAT: Tim Mälzers Hommage an die deutsche Küche

Während meiner Pubertät wollte ich, stur wie ich war, nichts mehr mit Kochen zu tun haben, obwohl ich schon als kleines Kind meinen Eltern und vor allem meiner Großmutter gerne in der Küche geholfen habe: mega uncool, die Sache! Da waren Dinge wie meine Freunde, besonders schlecht in der Schule sein (ohne sitzen zu bleiben) und Party machen wichtiger. Wiedererweckt wurde meine bewusst verleugnete Begeisterung durch eine Sendung mit dem Titel „Schmeckt nicht, gibt’s nicht!“, dessen Moderator ein junger Koch namens Tim Mälzer war. Seine Art mit Lebensmitteln umzugehen und Rezepte zuzubereiten, sowie sein sympathisches Wesen erinnerten mich daran, dass Kochen fantastisch ist und alles Dazugehörige unheimlich spannend. Tim Mälzers Kochshow rüttelte mich wach und löste gleichzeitig eine unglaubliche Faszination für ähnliche Formate und Kochbücher aus, der ich bis heute noch ausführlich fröne.

Heimat

Tim Mälzer, mittlerweile einer der bekanntesten deutschen TV-Köche, bin ich über die Jahre ein treuer Fan geblieben. Ich besitze mehrere seiner acht Kochbücher und aus gegebenem Anlass (unserem Leben in Tennessee) hat mich sein sechstes Buch sehr angerührt. Es trägt den Titel HEIMAT und ist 2014 im Mosaik Verlag erschienen. Tim Mälzer beschäftigen sich darin mit der deutschen Küche und erzählt von seiner Reise durch unsere gemeinsame Heimat Deutschland, die er anlässlich der Recherche zum Buch unternommen hat. Mit dieser herrlichen Sammlung von landestypischen Rezepten möchte er den Deutschen ihre eigene Kochkultur wieder näherbringen und aufzeigen, wie modern und qualitativ hochwertig die Gerichte, die Produkte und ihre Produzenten sind.

Eine wunderschöne Idee, wie ich finde. Mich überzeugt das Buch noch aus einem anderen Grund. Es zeigt auf, wie vielfältig die deutschen Küche ist und dass sie mehr zu bieten hat als nur Weißwurst, Bretzeln und Schweinshaxen (wobei wir diese Gerichte sehr lieben, keine Frage!). Das ist deshalb ein wichtiger Punkt für mich, da ich mich in den letzten Monaten immer wieder gewundert habe, wie wenig die Menschen, die ich hier in Tennessee treffe, über die Esskultur meiner Heimat wissen (da wären wir wieder bei Weißwurst, Bretzeln und Schweinshaxen). Ich hatte, was wahrscheinlich naiv war, angenommen, dass auch Zwiebelkuchen, Spätzle und Co. mittlerweile Exportschlager sind und deshalb durchaus bekannt. Weit gefehlt, kann ich da nur sagen.

Tim Mälzers‘ Intention, die deutsche Küche den Deutschen wieder schmackhaft zu machen sowie meine, den Amerikaner die vielfältigen Rezepte meiner wunderbaren Heimat vorzustellen, sind der Grund, warum ich über HEIMAT schreibe und euch mehr darüber erzählen möchte.

Also los geht es: Das äußere Erscheinungsbild des Kochbuchs ist sehr klassisch und edel gehalten. Sein vergoldetes Hardcover mit dem schwarzen Lederrücken und der klaren Schrift wirkt sehr wertig. Auflockert wird die elegante, fast dramatische Gestaltung durch drei Gartenzwerge, die Messer, Gabel und Löffel in ihren Händen halten und allzeit bereit scheinen, sich den köstlichen Gerichten der deutschen Küche zu stellen.

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Schlägt man das Cover auf, schreit einen das Vorsatzpapier, der Teil des Buches, der den Umschlag mit den Seiten verbindet, in neonpink an. Im Gegensatz dazu hat das Innere eine fröhliche, zurückhaltende Farbigkeit, die eher verspielt wirkt. Ein nettes Gimmick, das Tim Mälzer schon bei einigen seiner anderen Bücher genutzt hat, ist das rote Lesebändchen, dass die Möglichkeit bietet eine bestimmte Seite im Buch zu markieren.

Die Rezepte sind in einzelne Themenblöcken zusammengefasst, die, gefolgt vom obligatorischen Impressum und der Titelseite, im hübsch gestalteten Inhaltsverzeichnis dargestellt werden: Suppen – Mittagstisch – Fisch – Fleisch – Salate, Gemüse & Beilagen – Abendbrot – Süsses – Register. Bevor es losgeht, beschreibt Tim Mälzer im Vorwort seine Ideen zum Buch, wie es sich entwickelt hat und entstanden ist.

Auf den nächsten, knapp 280 Seiten stehen die deutschen Gerichte mit ihren Produkten und Produzenten im Mittelpunkt. Die Rezeptseiten überzeugen durch eine gute Übersichtlichkeit. Es wird genau angegeben für wie viele Personen die Mengen ausgelegt sind und wie viel Zeit einkalkuliert werden muss. Die Zutatenlisten sowie die einzelnen Zubereitungsschritte sind klar formuliert, lassen aber Raum zur Interpretation, auch dank der vielen kleinen Tipps und Tricks. Natürlich gibt es zu allen Gerichten Bilder und Illustrationen, die Emotionen auslösen, toll helfen, den Mund wässrig machen oder einen einfach nur zum Schmunzeln bringen.

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Die Vorstellungen der Produkte und Produzenten sind kurzgehalten, verlieren dadurch aber nicht ihren informativen Charakter. Die begleitenden, großformatigen Bilder sind beschreibend und haben etwas verträumtes, heimeliges, ja liebevolles, das auch aus dem Text herausscheint.

Zum Abschluss kommt, vor dem Index, Tim Mälzers Danksagung an die Menschen in Deutschland, an sein Team und alle Mitwirkenden. Die letzten Worte richtet er als Autor des Buches an uns, den Leser und schließt mit den Worten „Von Herzen Danke! Tim“. Sympathisch!

Es macht wirklich Spaß durch das Buch zu blättern. Ich habe zwar einige Gerichte wie den hessischen Kochkäse und den bayrischen Obatzer vermisst, aber natürlich konnte es nicht jedes regionale Gericht in die Auswahl schaffen. Tim Mälzer schreibt auch in seinem Vorwort, dass er keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Und natürlich kann ich es nur zu gut verstehen, dass er als Kind des Nordens dem Labskaus den Vorrang vor meinem geliebten Kochkäse gibt.

Das Buch hat mit 138 Rezepte (wenn ich mich nicht verzählt habe) einen beachtlichen Umfang. Eine tolle Sammlung, die gut aufeinander abgestimmt ist. Es gibt deutsche Klassiker wie das Brathähnchen oder den Servietten-Semmelknödel ohne die das Buch unvollständig wäre. Tim Mälzer macht sogar Vorschläge für neue deutsche Rezepte wie zum Beispiel einen in Gin gebeizten Lachs, den ich nach erfolgreichem Nachkochen sofort in mein kleines verfressenes Herz geschlossen habe.

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Natürlich habe ich viele Rezepte schon ausprobiert, wie zum Beispiel das Gulasch und die Hühnerbrühe, die ich auch vorher schon oft gemacht. Beide Gerichte haben in der HEIMAT-Version herrlich geschmeckt und einige Kniffe, wie die Zugabe von Zucker und Innereien zur Hühnerbrühe, werde ich auf jeden Fall beibehalten. Spannend fand ich den bereits erwähnten gebeizten Lachs, der eine absolute Premiere für mich war. Dieses Rezept zu testen hat sich absolut gelohnt und ich werde das Gericht auf jeden Fall nochmal machen.

Es war für mich eine besondere Freude den „Strammen Max“, ein Sauerteigbrot mit Schinken und Spiegelei zu finden. Ich kann mich nicht erinnern, dieses Rezept jemals in einem anderen Kochbuch gesehen zu haben. Es gehört zwar nicht zu meinen Leibgerichten, aber es ist mit viel Erinnerungen verbunden. Zum einen trägt es den Namen meines Bruders (ohne das „Strammer“, versteht sich) und zum anderen erinnert es mich an meinen Papa, der das unheimlich gerne gegessen hat. Weil ich gerade am Schwärmen und Erinnern bin, möchte ich noch auf die Unterkapitel Selbstgemachtes und Innereien kommen. Für Selbstgemachtes habe ich momentan einfach ein Spleen und möchte mehr darüber lernen. Innereien haben einen wichtigen Platz in der Kochtradition meiner Familie und ich liebe sie sehr. Ich kann Tim Mälzer auf Seite 155 nur zustimmen, wenn er schreibt, dass viele sie unterschätzen und etwas verpassen. Es stimmt mich fröhlich zu sehen, dass Leber, Nieren und Herz einen kleinen Raum in diesem Buch bekommen haben und zeigen dürfen, was sie können. Und das ist vor allem eins: verdammt lecker schmecken!

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Ich freue mich schon sehr darauf noch viele andere Rezepte auszuprobieren wie zum Beispiel die Kratzete zum Spargel, den Eiersalat, das Saiblingscarpaccio, die Reibekuchen, Leber mit Aprikosen, Ente aus dem Ofen und vieles mehr. Ihr seht, ich habe noch einiges zu tun.

Einen klitzekleinen Wehmutstropfen gibt es für mich hier in Amerika, denn es wird nicht ganz einfach sein, alle Zutaten zu bekommen. Weißer Spargel ist hier kaum aufzutreiben, wie leider vieles andere auch. Dieses Problem besteht (je nach Saison) zum Glück für all die lieben Menschen in Deutschland nicht. Die im Buch verwendeten Produkte sind gut erhältlich und ohne Problem auf dem Markt, beim Metzger, Bäcker, etc. zu finden.

Alles in allem hat Tim Mälzer mit HEIMAT eine liebevolle Rezeptsammlung zusammengestellt, die zeigt, dass die deutsche Küche mehr kann als nur deftig und schwer sein. Er wirft einen modernen Blick auf Klassiker und poliert die Traditionen auf, in dem er sie sensibel neu interpretiert. Man merkt dem weitgereisten Küchenchef an, dass es ihm Spaß macht seine eigene kulinarische Heimat zu erforschen, sie neu zu entdecken und sich von ihr auch überraschen zu lassen. Regionalität spielt dabei eine große Rolle, wobei das Buch deutlich macht, dass diese heute nur noch funktioniert, wenn sie offen für die Globalisierung ist. Befruchtet sich beides, kommt etwas heraus, dass einem das wohlige Gefühl des zu Hause Seins gibt, ohne angestaubt, kleinbürgerlich oder überholt zu wirken. Neben dem Essen sind die Produkte und die Menschen dahinter die Stars dieses Koch- und Reisebuchs. Gezeigt wird die Vielfalt, die Deutschland zu bieten hat und all die engagierten Erzeuger, Produzenten und Handwerker bekommen ein Gesicht. Sie lassen uns an ihren Ideen, Wünschen und Träumen für die Zukunft teilhaben. Die Berichte und Informationen zu dieser neuen Generation von Fischern, Bäckern, Metzgern, etc. sind spannend geschrieben und machen neugierig auf mehr.

HEIMAT ist eine liebevolle Hommage an Deutschland und seine Küche. Ich kann dieses Buch wirklich uneingeschränkt empfehlen. Es macht dank der sympathischen und gekonnten Gestaltung einfach Spaß darin zu stöbern, Rezepte auszuprobieren oder nur die tollen, humorvollen und informativen Bilder anzuschauen. Es wäre schön, wenn dieses Buch noch in anderen Sprachen herauskommen würde, um allen, die kein Deutsch beherrschen, auch die Möglichkeit zu geben, die deutsche Küche besser oder überhaupt kennen zu lernen.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch Tim Mälzer zu danken, denn ohne ihn und sein tolles Team würde es dieses wunderbare Buch nicht geben. Ich verbleibe also mit freundlichen Grüßen und einem ehrlich gemeinten: Von Herzen Danke! Eva


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