LieblingsLaden: Lilly Pad Hopyard Brewery

Es war einmal ein junger, zurückhaltender Mann. Der lebte mit seiner hübschen, klugen Frau in einem fernen Land. Beide waren glücklich und erfreuten sich der Abenteuer, die ihre neue Heimat für sie bereit hielt. Eines Tages kam der junge Mann nach Hause und war alles andere als zurückhaltend. Er wirbelte seine hübsche, kluge Frau in ihrem kleinen Haus herum und erzählte ihr mit Freude strahlenden Augen von einem magischen Ort, den er entdeckt hatte. Einem Ort, an dem die Menschen sich treffen, ihre Geschichten und ihren Trunk teilen und an dem die Fröhlichkeit zuhause ist.

Lilly Pad

So, oder so ähnlich könnte das Märchen vom Frosch auf dem Seerosenblatt beginnen. Jetzt seid Ihr verwirrt und wisst nicht genau wovon ich hier schreibe? Dann fange ich am besten nochmal von vorne an.

Anfang der 90er verließ Marte ihren Heimatort Nashville, um in Knoxville an der University of Tennessee Lehramt zu studieren. Dort traf sie Del, einen outdoorbegeisterten Umweltingenieur, der mit seinen Eltern im Süden der Stadt lebte. Nach dem Studium heirateten die beiden und zogen vorerst zu Dels Mutter. Auf der Suche nach einem eigenen Zuhause fanden sie 1997 ein abgelegenes Grundstück oberhalb des Clear Creeks, einem Zufluss des Obed Wild and Scenic River. Die Gegend beeindruckt durch ihre Sandstein Formationen, die sie überregional vor allem bei der Kletter- und Boulder-Community bekannt macht. Voller Dankbarkeit, einen so wundervollen Ort gefunden zu haben, bauten sich die beiden mit Hilfe von Freunden ein Häuschen mitten in den Wald.

Die kleine Familie genoss ihr neues, ruhiges und entspanntes Leben mitten im Nirgendwo in vollen Zügen und es gab kaum einen Tag an dem nicht gewandert, etwas gebaut oder geklettert wurde. Bei Letzterem lernten Marte und Del Kelly Brown, den Autor des Buchs “The Obed: a Climbers Guide to the Wild and Scenic” kennen, der bald zu einem Freund wurde. Und klar ist, Freunde, die weiter weg wohnen, dürfen bei Marte und Del gerne im Garten zelten, um die Abende zusammen an einem schönen Lagerfeuer verbringen zu können. Und auch klar ist, dass Freunde von Freunden, die noch weiter weg wohnen, ebenfalls gerne im Garten zelten können, denn so ein Lagerfeuer wird nur noch schöner, je mehr außen herum sitzen. Als nach ein paar Wochen die ersten kamen und fragten, was denn eine Übernachtung auf dem Zeltplatz kosten würde, wurde den beiden klar, dass wohl doch mehr Leute in ihrem Garten übernachtet hatten, als ihnen bewusst war.

Lilly Pad

Marte und Del sahen in dieser Entwicklung eher eine Chance als ein Problem, weshalb heute immer noch Gäste in ihrem Garten bzw. Wald übernachten dürfen, der mittlerweile eine Fläche von 16 Hektar (oder auch  160.000 m²) umfasst. Auf dem einfachen Zeltplatz gibt es an die 70 Stellplätze, auf denen man es sich für $5 pro Person und Nacht in Zelt, Auto oder Hängematte bequem machen kann. Vieles dort erinnert mich an unsere Familien-Urlaube als ich klein war (ich habe das erste Mal mit 14 Jahren ein Hotel betreten) und auch an meine Zeit als Pfadfinder. Da gab es keinen großen Luxus, aber den hat auch niemand vermisst.

Der Mensch ist eben gesellig und ich bin da keine große Ausnahme. Vielleicht sind wir alle immer noch Herdentiere, die in große Gruppen durch die Wälder streifen oder dort herumsitzen. Und wenn es dann sogar das passende Getränk gibt, sind wir eh alle happy! Als gute Gastgeber hatten Marte und Del deshalb immer etwas für ihre munteren Camper parat, häufig auch ein gutes, selbstgebrautes Bier. Waren am Anfang nur kleine Mengen nötig, ändert sich das durch die wachsenden Besucherzahl schnell und was als Hobby begann, entwickelte sich, wie der Zeltplatz, zu einem Selbstläufer. Del konnte kaum so schnell brauen, wie die Leute ihm den goldbraunen Gerstensaft aus den Händen rissen. Aufgrund der hohen Nachfrage beschloss er eine (legale! – wenn schon, denn schon -) Brauerei mit allem drum und dran zu bauen, um größere Mengen produzieren und seine stetig durstigen Freunde, Familie und Kundschaft versorgen zu können. Diese wunderbare, kleine Nano-Brauerei samt Hopfenplantage steht heute direkt neben Martes und Dels Häuschen in unmittelbarer Nähe zum Zeltplatz und ist der eigentlich Grund, warum wir den Lilly Pad so lieben.

Lilly Pad

Denn genau hier, in eben dieser kleinen Brauerei mit angeschlossenem Zeltplatz war Felix (mein junger, zurückhaltender Mann), bevor er mit Freude strahlenden Augen zu mir (der hübschen, klugen Frau)* kam und mich durch unsere Wohnung wirbelte. An den Namen dieses wunderbaren Ortes habe ich auch den Titel meines herzigen Märchens angelehnt. Lasst mich das aber kurz erklären: Lilly Bridge heißt die Brücke über den Clear Creek, die keine fünf Minuten entfernt ist. “Lily Pad” ist Englisch für “Seerosenblatt” und auf Seerosenblättern treffen sich Frösche. Dieses hübsche, grüne Amphib ist neben Bergen und Hopfenblüten, der wichtigste Teil im Logo des Lilly Pads. Also, Lilly Bridge plus Lily Pad plus Frosch ergibt das Märchen vom Frosch auf dem Seerosenblatt oder eben Anfang des Namens der “Lilly Pad Hopyard Brewery“.

Lilly Pad

Seit ein paar Jahren ist es dort nun möglich in dem kleinen Taproom direkt in der Brauerei von den nettesten und authentischsten Barkeepern der Welt ein frisch gezapftes Bier in guter Gesellschaft zu bekommen. Wer keine Zeit hat, kann sich seinen Growler, eine große Flasche aus Glas, Keramik oder Stahl auffüllen lassen und diesen mit nach Hause nehmen. Wer aber bleibt und sich durch die erstaunlich große Auswahl an eigenen und Gast-Bieren probiert, der wird neben neuen Geschmacks-Erfahrungen auch den Zauber dieses besonderen Ortes erleben.

Es ist nicht ganz einfach für mich zu beschreiben, was die Lilly Pad Hopyard Brewery so einzigartig macht: sind es die Menschen, ist es die Umgebung, ist es das Bier oder doch etwas ganz anderes? Wahrscheinlich ist es ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Aspekte. Und wahrscheinlich müsst ihr euch vor Ort selbst ein Bild machen. Um vorab schon etwas Überzeugungsarbeit zu leisten, erzähle ich euch einfach, wie ich es bis jetzt erlebt habe.

Lilly Pad

Wir machen oft erst eine Zwerg-Wanderung zum Lilly Bluff Overlook. Die Tour ist eine der Sachen, die zu unserem Standardprogramm für Besucher gehört und letztendlich zur Entdeckung der Brauerei geführt hat. Der Trail ist einfach, nicht zu lang und bietet einen kleinen Abriss der wunderschönen Landschaften East Tennessees. Entsprechend beeindruckt geht es dann zur Brauerei. Der Parkplatz liegt vor dem hübschen Hopfenfeld, auf dem Del eine seiner wichtigsten Zutaten selbst anbaut.

Lilly Pad

Verlässt man das Auto, wird man von Monster, Big oder Tipsy, den drei Hunden von Marte und Del begrüßt. Als Hunde-Mensch hat mich das bei unserer ersten Ankunft schon absolut eingenommen. Wer Vierbeinern gegenüber gerne Abstand hält, der muss sich nicht sorgen. Die drei schwänzeln in entspannter Entfernung um einen herum und scheinen sich neugierig zu fragen, welche potenziellen Spielkameraden aus dem neusten Metallkasten steigen. Ich nehme mir beim Kraulen von Monster (einem kurzbeinigen, schwarzen Fellknäuel) meist kurz die Zeit, die Umgebung auf mich wirken zu lassen.

Lilly Pad

Da gibt es das Wohnhaus mit Garten- und Rasenflächen, auf dem eigentlich immer eine Horde Kinder herumturnt. Direkt gegenüber liegt die eigentliche Brauerei. Daran angeschlossen ist ein überdachter Bereich, in dem man Darts spielen oder einfach nur sitzen und erzählen kann. Rechts davon stehen zwei Anhänger. Einer ist offen und beherbergt einen riesigen Smoker. Der klassisch amerikanische Räucherofen gehört zum anderen Anhänger, in dem sich der Sauced Frog befindet. Dort verwöhnt Nick seit 2017 die hungrigen Besucher mit seinen einfachen, aber leckeren Gerichten. Links der Brauerei gibt es einen großen Platz mit Kies auf dem Tische und Stühle stehen, aber auch ein Riesen-Yenga sowie der obligatorische Cornhole Court, ohne den in Tennessee sowieso nichts geht. Alles ist etwas kruschig und wahrscheinlich gab es nie einen Plan, wie es am Ende aussehen soll. Aber genau dieses geordnete Chaos macht es so sympathisch und einladend.

Lilly Pad

Die eigentliche Brauerei ist eine kleine, selbstgebaute Hütte mit einem Raum, in dem man die glänzenden Stahl-Kessel bewundern und gegenüber im Taproom (dem Barbereich mit Zapfhähnen und einem schmalen Tresen) ein köstliches Bier genießen kann. Für jeden ist etwas dabei: Blonde, IPA, Stout, Mexican Lager, Brown und zwei Gast-Biere von anderen Nano-Brauereien wie Calfkiller Brewery oder Dead Horse. Jedes Bier hat seinen ganz individuellen Namen wie Little Black Dress, Yoga Pants, Ruby Slipper, … deren Geschichten den Artikel sprengen würden. Mein Favorit ist Yoga Pants, ein helles, nicht zu starkes Bier, das eine tolle, goldbraune Farbe hat. Mein junger zurückhaltender Mann bevorzugt das Plateau Light, ein leckeres Pils.

Lilly Pad

Sobald wir ein Glas in der Hand haben, werden wir meist direkt in ein Gespräch verwickelt. Sei es mit den supernetten Barkeepern, dem witzigen Fahrradfahrer, der auf einer Tour entlang der Ostküste ist oder einem der unzählige Kletterer, die mehrere Stunden Autofahrt auf sich nehmen, um die wilden und malerischen Sandsteinklippen zu erklimmen. Im Sommer sind auch Kayaker und Fliegenfischer dort, die den Obed für ihre Zwecke nutzen, ader auch Wanderer, Ortsansässige oder einfach Menschen wie wir, die gerne Bier trinken. Hier kommen alle zusammen und bringen ihre Geschichten mit. Es ist ein bisschen so, als würde die Welt am Lilly Pad zusammenkommen und ihre vielen verschiedenen Facetten entfalten. Lancing und Wartburg, die beiden nächstgelegenen Städtchen lagen lange im Schlaf und werden auch noch einige Zeit brauchen, bis sie komplett erwachen. Aber dank Marte und Del kommt Einfluss von außen und bringt etwas frischen Wind, neue Ideen und liberale Ansichten in die abgelegene Gegend im Hinterland East Tennessees.

Lilly Pad

Aber nicht nur die Gegend sieht neue Dinge, auch ich habe dort etwas kennen und mittlerweile sehr schätze gelernt: den Bluegrass, eine mit dem Country verwandte Musikrichtung. Sobald es Samstags dunkel wird, die Lichterketten aufleuchten und das Lagerfeuer leise knistert, holen Suzie und Co. ihre Instrumente heraus. Die Musik ist unaufdringlich, echt und wunderschön. Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich Countrymusik gut finden würde, hätte ich nur gegrinst und mich mit einem leisen “Ja, sicher!” weggedreht. So kann man sich täuschen.

Lilly Pad

Sind die Akkorde der Gitarren verklungen, das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer herunter gebrannt, geht ein Tag voller Erlebnisse und Geschichten zu Ende. Mit all diesen wunderbaren Eindrücken steigt man dann leicht angeheitert und auch ein bisschen wehmütig in seinen Schlafsack. Mit einem letzten Blick in den beeindruckenden Sternenhimmel (unser Auto hat praktischerweise ein Fenster im Dach) schlafe ich entspannt neben meinem wundervollen Mann ein.

Jetzt wisst ihr so gut wie alles über die Brauerei, den Zeltplatz und wie es überhaupt dazu gekommen ist. Das wichtigste sind und bleiben Marte und Del, die beiden Besitzer, die definitiv das Herz des Lilly Pads sind. Die beiden sind authentisch, herzlich und man merkt, dass sie Spaß an dem haben was sie machen.

Lilly Pad

Ich würde mich freuen, mehr solcher Orte wie den Lilly Pad zu finden. Orte, die irgendwo im Nirgendwo liegen, an denen die Welt zusammenkommt, jeder eine Runde abschalten und er selbst sein kann.

Damit bleibt mir nur noch Marte und Del zu danken, vor allem dafür, dass sie aus Versehen den Zeltplatz und die Brauerei gegründet haben. In den nächsten Jahren freue ich mich auf viele Besuche dort und auf weitere Versehen der beiden. Bleibt einfach so wie ihr seid: Southern Hospitality in Perfektion!

* Hahaha, sorry, das musste sein! Immerhin habe ich mich nicht gleich zur Prinzessin gemacht!


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